Compliance gefährdet „American Dream“

Jamie Dimon, der CEO von JPMorgan Chase will in der Regulierungsdichte und Compliance eine Gefahr für die geistige Grundlage der USA, dem „American Dream“ erkannt haben. So soll er nach Berichten von Bloomberg in einem Investoren-Call gesagt haben: “In the old days, you dealt with one regulator when you had an issue, maybe two. Now, it’s five or six. It makes it very difficult and very complicated. You all should ask the question about how American that is.”

Und Richard Kovacevich, Ex-CEO von Wells Fargo, hat in einem Interview für den US-Sender CNBC gesagt:

„Die Banken versuchen gerade, ihre Sales-Leute loszuwerden und investieren in Technologie usw., um Compliance gerecht zu werden. Es ist erstaunlich. In unserer Bank gibt es annähernd 10.000 Compliance-Leute. Bei JPMorgan sind es 20.000 Compliance-Leute. Es ist absurd, dass wir soviel Geld in Compliance investieren. […] Und da es derzeit kein Umsatzwachstum im Banken-Geschäft gibt, muss man diese Kosten woanders ausgleichen.“

Damit spielt er auf Massenentlassungen im Bankensektor an. Um zwei Beispiele zu nennen: Die HSBC hat kürzlich angekündigt, dass sie 50.000 Stellen streichen wird. Und JPMorgan Chase entlässt 5.000 Angestellte.

Diese Sicht ist interessant. Denn die Grundlage dieser Aussagen ist, dass gerade die Dinge, die doch eigentlich die Risiken in den Unternehmen unter Kontrolle halten sollen, diese nun gefährden. Dass der Zweck eines Finanzinstituts sozusagen „pervertiert“ wird, weil man nicht mehr das macht, wozu eine Bank da ist, sondern nur noch damit beschäftigt ist, mit sämtlichen Regulierungen compliant zu sein.

Andererseits müssen sich die Banken auch in zwei Punkten hinterfragen lassen:

  1. Ist es nicht wieder eine Blickrichtung, die sich nur mit dem Jetzt beschäftigt und nicht auf die Ursachen in der Vergangenheit schaut? Die Regulierungsdichte hat doch nur zugenommen, weil es Übertreibungen im Finanzsektor gab. Dodd Frank Act wurde ja als Reaktion auf die Finanzkrise von 2007/2008 erlassen. Es ist also notwendig.
  2. Natürlich ist der Bankensektor sehr stark reguliert und erfordert eine gewisse Anzahl an Compliance-Leuten. Aber sind 20.000 nicht ein bisschen zu viel? Vielleicht könnte man überlegen, wie man unternehmensintern sein CMS ein wenig effizienter aufstellt?

Es ist immer einfach, sich auf die Regulierungsdichte zurückzuziehen und sich darüber zu beklagten. Man findet also leicht die Schuldigen von extern für die Massenentlassungen und die angebliche Stagnation im Geschäft. Im Politikstudium lernen wir zum Beispiel, dass die Staaten den Fokus ihrer Bürger umso mehr auf die Außenpolitik richten, je größer die innenpolitischen Probleme sind. Im Klartext: die Staatsführung versucht ihre Bürger von ihrer Unfähigkeit, die Probleme im eigenen Land zu lösen, durch verstärkte Fokussierung auf die Außenpolitik abzulenken. Vielleicht trifft diese Theorie aus der Politikwissenschaft auch auf Business zu?

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